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Pflege vor Gericht: Kuriose Fälle

Ein Pflegesachverständiger oder ein medizinischer Gutachter erstellt ein unabhängiges Gutachten. Unabhängigkeit ist Voraussetzung und bedeutet, dass man sich durch keine Fremdmeinung oder Sympathie, ebenso persönliche Abneigung, beeinflussen lassen darf. So manches Mal wird einem dies aber vorgeworfen. So auch in diesen kuriosen Fällen:

In diesem Fall musst du erst tot sein, bevor du eine Pflegestufe bekommst

Ein Herr mit 56 Jahren beantragt eine Pflegestufe. Er ist nicht dement, kann noch vieles allein, aber es bestehen folgende Erkrankungen: ein schweres Herz-Lungenleiden und eine Adipositas, also eine Fettleibigkeit. Diese beiden Erkrankungen machen ihm das Leben schwer. Das Duschen kann er nicht mehr bewältigen, das An- und Auskleiden gelingen nicht mehr allein. Die Ehefrau unterstützt und ist immer dabei, um Hilfestellungen zu geben. Außerhalb der Wohnung gelingt die Fortbewegung immer schlechter.

Nun kündigt sich der MDK zur Begutachtung an und lässt den Herrn einige Übungen machen, damit der Gutachter sehen kann, inwieweit die Bewegungsmöglichkeit vorhanden ist. Der Gutachter nimmt nach dem Besuch einen Hilfebedarf von 1 Minute täglich an.

Der Herr beschwert sich und möchte neu begutachtet werden; das passiert auch.

Dieser Gutachter übernimmt nun erst einmal das Ergebnis des ersten, lässt den Herrn Übungen machen und lässt sich auch wiederum NICHT zeigen, wie der Antragstellung die Verrichtungen des tägichen Lebens selbst oder mit Hilfe durchführen kann.

Zudem schreibt auch dieser Gutachter nicht die richtigen Diagnosen in den Befund, dies soll noch Folgen haben.

Der zuletzt benannte Gutachter kommt auf 18 Minuten täglich, also immer noch keine Pflegestufe.

Der Antragsteller wehrt sich und der MDK reagiert, indem er nun ein Gutachten nach Aktenlage durchführen lässt. Das hat zur Folge, dass einfach nur, ohne neue Angaben zu überprüfen, der Inhalt des letzten Gutachtens übernommen wird. DA im vorhergehenden Gutachten die Diagnosen fehlen, kommt dieser Gutachter nach Aktenlage zu keinem anderen Ergebnis. Dazu hätten dort Ausgangsdiagnosen verzeichnet sein müssen. Dieser Gutachter kann nicht hellsehen.

Der Antragsteller wehrt sich und schreibt wieder einen Gegenbrief, warum er Hilfe benötigt.

Es folgt das zweite Gutachten nach Aktenlage, kein neuer Hinweis, der alte Text wird einfach übernommen.

Der Herr erhält also keine Hilfe bis hierher. Die Ehefrau ist überfordert, es kommt kein Pflegedienst, um nach dem Zustand oder der Entwicklung zu sehen.

Nach drei Monaten kommt der Antragsteller, dem das Begehren nach einer Pflegestufe immer wieder abgelehnt wurde, als Notfall in die Notaufnahme. Der Zustand der Herz-Lungen-Erkrankung hatte sich verschlechtert, die Lunge ist vereitert, der Pflegezustand katastrophal.

DIESER elende Tod hätte verhindert werden können. Gutachter des MDK müssen ihre Aufgaben gewissenhaft erfüllen. Und wenn ein Fehler unterläuft, muss dieser dem nächsten Gutachter auffallen.

Hier hat einfach immer der eine von dem anderen abgeschrieben, keiner, wrklich keiner hat seine Aufgabe erfüllt. Die fehlerhafte Begutachtungsgrundlage des ersten Gutachters wurde nie erkannt und nicht revidiert.

In meinem Sachverständigengutachten ist dies herausgearbeitet. Das Urteil werde ich jedoch nicht erfahren.

 

Die arbeitende pflegebedürftige Dame

In diesem Fall handelt es sich um eine Türkin, die seit Jahren in Deutschland gut integriert mit ihrer Familie wohnt. Vor 15 Jahren war sie sehr krank, eine Atrophie der Knochen, von der man damals annahm, dass diese schnell weiter fortschreiten würde. Sie bekom im Jahr 2004 die Pflegestufe 1.

Wie Sie vielleicht wissen, wird in den wenigsten Fällen eine Prüfung der Pflegestufe durch den MDK durchgeführt. So blieb diese Dame lange lange Zeit mit der Pflegestufe 1 versorgt und, so nehme ich an, hatten das Geld fest in ihr Haushaltsbudget eingeplant.

Vor einigen Jahren nahm diese Dame einen leichten Reinigungsjob für 10 Stunden in der Woche an, arbeitete dort auch als "Springer".

Im letzten Jahr nun stellte diese Dame einen Antrag auf Höherstufung mit der Begründung, dass Ihre Erkrankung dazu führt, dass sie mehr Pflege als bisher benötige.

Die Maschinerie läuft an:

Antrag auf Höherstufung wird gestellt

der MDK meldet sich zur Untersuchung

das Ergebnis (weiterhin PS1) gefällt der Antragstellerin nicht, sie legt Widerspruch ein

der MDK prüft erneut

Ergebnis  wie oben

Widerspruch wird eingelegt

die Sache landet vor Gericht und der Richter ordnet ein Sachverständigengutachten an.

In diesem 50seitigen Gutachten mit der Aufstellung aller Unterlagen und Diagnosen stellte sich nun heraus, dass auch die Pflegestufe 1 nicht mehr angemessen ist. Trotz aller Gegenreden des Klägers konnte nun verdeutlicht werden, dass es ein Widerspruch an sich ist, in einer Reinigungsfirma Papierkörbe zu leeren, Toiletten zu putzen, sich Handschuhe an- und auszuziehen, Treppen zu steigen, sich zu bücken und so weiter;

wenn doch gleichzeitig behauptet wird, dass man die Türklinke nicht herunterdrücken, die Toilette nicht allein benutzen könne, das Anziehen schwer fällt und zudem nicht einmal eine Pizza in den Ofen geschoben werden könne.

Als Pflegesachverständige erfahre den Richterspruch nicht, ich kenne den Ausgang dieses Verfahrens nicht.

ABER ich bin mir ziemlich sicher, dass hier noch ein Betrugsverfahren angehängt wurde. Denn diese widersprüchliche Pflegesituation bestand seit 2004. Da ist viel Pflegegeld geflossen, aber eben in die falschen Taschen.

Ihre Anke-Petra Kasimir